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Zur Endlösung der Namensfrage

WIE SIE HEISSEN, IST UNS EGAL.
Ihr Name hilft uns beim Zählen und wird später vernichtet.
Ihr Egon Hölder. Leiter des Statistischen Bundesamtes.
Volkszählung. 10 Minuten, die allen helfen.

Diese Mitteilung erreicht die Bürger der westlichen Bürokratie auf deutschem Boden in der neunten Woche des Jahres 1986. Als halbseitige Anzeige in Magazinen und Zeitungen, in Form eines kurzgefaßten Briefes, dem nur Anrede und Gruß fehlen. Mit dem Namen des Behördenleiters versehen, der die Vernichtung aller Namen anordnen wird, irgendwann später, nachdem sie erfaßt und gezählt sind. Beim Zählen, heißt es, helfen die Namen. Wie das zugeht, wird nicht erklärt. Daß sie danach vernichtet werden, soll der Bürger erleichtert zur Kenntnis nehmen. Der Staat fordert von ihm bislang nie verlangte Auskünfte und verspricht ihm dafür, diese Auskünfte unkenntlich zu machen, durch Vernichtung der von Staats wegen erfaßten Namen, im Namen der Bürger. 'Freundliche Grüße' unterbleiben. Sie wären nach jenem 'wird später vernichtet' durchaus fehl am Platz. Dafür deutet das 'Ihr' vertrauliche Dienstbarkeit an. Der leihweise abgegebene Name ist in guten Händen. Er wird, nachdem er beim Zählen behilflich war, sorgfältig vernichtet werden. Das klare Wort 'vernichtet' ist mit Bedacht gewählt. Der Vorgang versteht sich von selbst, bedarf keiner Umschreibung. 'Gelöscht' erinnerte an 'ausgelöscht', 'beseitigt' klänge gleich übel. Beide führten sie die Zwangsvorstellung von Tätern und Opfern mit sich. Nicht so das Wort 'vernichtet'. Es ist auf schmerzlose Weise abstrakt und überdies anonym, was 'namenlos' bedeutet.

Trotz der Kürze der Mitteilung erfährt der Bürger den Namen der Behörde und ihres Leiters und begreift sogleich: nicht aus Anmaßung, nicht aus Eitelkeit verläßt dieser Mann die sachliche Kühle seiner Amtsräume. In wohlerwogener Absicht tritt er aus der Namenslosigkeit hervor. Er muß nicht erst namhaft gemacht werden, wie jene Mitbürger, die sich der Namhaftmachung am liebsten entzögen, obwohl die später erfolgende Entnamung fest zugesichert ist. Er tut den vertrauenbildenden ersten Schritt, bringt sich selbst zum Beispiel. Ein jeder sei so, der nichts zu verbergen hat. Die übrigen wird man bald finden. Gleichsam nackt und schutzlos gibt er seinen Namen der Öffentlichkeit preis. Für den Rest der Geschichte als Name desjenigen, der zwar nicht die Verantwortung, immerhin jedoch die Oberaufsicht bei der Feststellung und Vernichtung aller Namen innehatte. Diese Offenheit hat etwas Anrührendes. Wird doch vor aller Augen der Name des Menschen in Unschuld gewaschen, dem die Endlösung der leidigen Namensfrage anvertraut ist. Kaum auf eignes Betreiben. Da ist die sichere Hand von Fachleuten sichtbar. Mit ihren verschließbaren Aktentaschen, deren Fächer beim Öffnen sich übersichtlich auftun, werden sie die zielgruppenspezifisch gestreuten Maßnahmen begründet, jedes Wort erläutert und die unfehlbare Wirkung eines jeden Details vorhergesagt haben. Werber, im Ministerium des Innern erscheinend, oder im nachgeordneten Bundesamt. Meinung ist beliebig bildbar. Sie kostet nur Geld. Und das ist dafür immer, von irgendwoher, vorhanden. Geschäftstüchtig, abgebrüht, werden sie auf die blickbannenden Vulgarismen verwiesen haben. Auf Ansprache durch jene überraschend menschliche Amtssprache. Auf die Bürgernähe im Wort EGAL, das augenzwinkernd die wahre LAGE wiederspiegle. Schließlich pfiffen das die Spatzen von den Dächern. Man sei sich gegenseitig so ziemlich EGAL geworden. Wie die Ämter den Bürgern, so die Bürger den Ämtern. Augenzwinkernd auch die fleißig dementierte Wahrheit, daß etwas faul sei im Staate. Jener flaue Umgang nämlich, mit allem was Recht ist – nicht richtig ILLEGAL, doch auch nicht recht LEGAL. Solange es gut geht, ist euch das EGAL. Uns auch. Soweit die Mitteilung zwischen den Buchstaben.

Aber das trifft noch längst nicht den Kern. An die versimpelnden Sprüche der Wahlkämpfe, an die noch falschere Zunge von Anzeigen, die nicht Waren, sondern Wahrheiten feilbieten und verramschen, hat sich der Bürger fast schon gewöhnt. Er weiß von der unlängst gescheiterten 'Volkszählung', hat vom Für und Wider einiges gehört und entnimmt der unangekündigten Werbung dafür, daß sich der Staat zu einem neuen Anlauf rüste. Er ist es fast schon gewohnt, mit Parolen traktiert – paralysiert statt informiert zu werden.

WIE SIE HEISSEN, IST UNS EGAL.
Ihr Name hilft uns beim Zählen und wird später vernichtet.
Ihr Egon Hölder. Leiter des Statistischen Bundesamts.
Volkszählung. 10 Minuten, die allen helfen.

Der Bürger hat sich abgewöhnt, nähere Erklärungen zu erwarten. Das Bundesamt wird schon wissen, warum es den wirklichen Zweck der 'Volkszählung' verschweigt. Was aber hat es mit dem Verschweigen auf sich? Ist es von vornherein legitimiert durch die Gutartigkeit der staatlichen Zwecke und die latente Bösartigkeit bürgerlicher Renitenz, die durch allzuviele Erklärungen nur geweckt und gereizt würde? Die unwiderlegliche, lediglich mißachtbare Antwort darauf gibt Immanuel Kant in seiner Schrift 'Zum ewigen Frieden': 'Alle auf das Recht anderer Menschen bezogenen Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt, sind unrecht.' Wo der Begriff des Öffentlichen, von dem das gute Wort 'Republik' sich herleitet, zu 'Propaganda' hier (wie jenseits der Trennlinie zu 'Agitation') von Staats wegen herabgewürdigt ist, kann von Rechtstaatlichkeit keine Rede mehr sein. Freilich war und ist ein wahrhaft republikanisches Gemeinwesen kein erreichter Zustand, wie die rechts und links gleichlautenden Staatsnamen glauben machen, sondern bestenfalls ein Ziel. Hier jedoch scheint das Gesetz der Schlangengrube zu herrschen. Dem Bürger ist dies nicht unverborgen geblieben. Er hütet sich, Fragen zu stellen. Die Antworten, die er bekäme, wären so halbwahr, so verlogen, so schlangenhaft wie das Wort 'Volkszählung', denn keineswegs soll nur gezählt werden. Bleibt es dabei, daß die Zähler in die Wohnungen eindringen werden? Zwangsrekrutiert durch selektives Losverfahren aus den niederen Kadern des öffentlichen Dienstes? Werden Prämien ausgesetzt, für das Ausspähen unbekannter Sachverhalte? Welche Auskünfte verlangt der Erhebungsbogen? Und endlich: Wozu all diese Auskünfte? Der Bürger fragt nicht. Er versteht, warum es 'Volkserhebung' allerdings nicht heißen darf, warum das Aktionszeichen, eine lächerliche Zählmaschine mit verschiebbaren Kügelchen, den endlich auszulastenden Zentralmoloch zum Spielzeug verniedlicht. Er versteht, daß es sein muß, wie es ist. Aber er versteht nicht, daß es auch anders sein könnte. Der Bürger nimmt diese zur schlechten Gewohnheit gewordnen Täuschungsmanöver, diese dreisten Umgangsformen der Oberen mit den Unteren, der Verantwortlichen mit den Entmündigten als unabänderlich hin. Das ist nicht neu und gerade deswegen so schlimm. Doch diese Anzeige enthält Schlimmeres:

WIE SIE HEISSEN, IST UNS EGAL.
Ihr Name hilft uns beim Zählen und wird später vernichtet.
Ihr Egon Hölder. Leiter des Statistischen Bundesamts.
Volkszählung. 10 Minuten, die allen helfen.

Der Sachverhalt ist einfach. Die vorige Regierung hat einen mehrstöckigen Computer bestellt und die jetzige ihn installieren lassen. Mit und durch ihn könnte das soziale, fiskalische und juridische Netz noch enger geknüpft werden. Daten würden schneller verfügbar, Planungen exakter, Fahndungen jeder Art erfolgreicher. Fraglos würde das Regieren leichter und effektiver. Fraglos auch, daß ein richtig und vollständig gespeister Großrechner die Grenze zum uneingeschränkten Verwaltungsstaat, zur totalen Bürokratie noch weiter verschieben könnte. Tatsächlich bedienen sich ähnlich verfaßte Nachbarländer längst weitaus rigoroserer Methoden, um beispielsweise den Steuerbetrug einzuschränken, zu welchem freilich nur die Gutverdienenden überhaupt erst in der Lage sind. Den Ärmeren bleibt nur der ungleich schwierigere, notgeborene und äußerst armselige Sozialbetrug: hier ein wenig ungerechtfertiges Wohngeld, dort etwas Schwarzarbeit bei gleichzeitigem Empfang von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. Ein Nichts gegen den unermeßlichen Schaden, der dem selbst verarmten, durch den weltweiten Zinswucher ausgepowerten Staat durch illegale und legale Hinterziehung zugefügt wird. Diese 'Zählung' würde nur die abgewohnten Quartiere und ihre Bewohner gut durchleuchten. Die verschwiegenen Konten, die ebenso unproduktiven wie unbesteuerten Zinsenzinsquellen würden weiterhin ins Dunkle fließen. Wenn irgendwo, hier wäre der Einsatz von Rechnern gerechtfertigt und lohnend. Darüber wäre offen zu sprechen. Nur das würde allen helfen. Was aber tut eine zu Recht um ihre Mehrheit besorgte Regierung? Wie zerstreut sie die Besorgnisse der zu zählenden Bevölkerung? Durch nichtssagende, nichtswürdige Redensarten wie: Ihr Name ist uns egal, er wird später vernichtet; Ihr Privatleben ist Ihr Bier, das geht uns nichts an. Ist das Letzte nicht ebenso selbstverständlich wie das Erste unvorstellbar? Warum dann für teueres Geld derart törichte Sprüche? Etwa, weil die Zwecke jeder 'Volkszählung' zu Lasten des Volkes im eigentlichen Sinne der Bedeutung gehen? Etwa, weil jene närrischen Negationen davon ablenken, was den Staat an seinen von Jahr zu Jahr mehr zu Statisten herabgewürdigten Bürgern statistisch noch interessiert, bevor er ihre Vernichtung zuläßt? Oder sind nur die Standes- und Einwohnermelde-, die Paß- und Polizeiämter nach soviel Jahren Bundesrepublik ein wenig in Unordnung geraten? Solange der Staat den Bürgern so dumm kommt wie hier, muß er sich solche Fragen gefallen lassen. Und was soll man von der Narrheit einer Ministerialbürokratie halten, die beim Verwischen der einen Spur eine zweite, noch tiefere zurückläßt? Zwischen dem 'uns', dem Namen egal sind, und den dergestalt läppisch Angeredeten reißt mehr als nur Papier. Ein Riß, der quer geht zum andern, den das Parteiwesen verursachte. Durch den Mund von gekauften Textern reden hier Staatsbeamte zu Bürgern, wie einstmals Kolonialoffiziere mit Eingebornen. Bei allerbestem Willen – da ist keine Identifikation mehr möglich. Da ist das republikanische Handtuch zerrissen. Da kommt das Wörtchen 'kratie' zur Geltung, und das bedeutet: Herrschaft der einen über die andern, der wenigen über die vielen. So deutlich wurde die vielbedauerte Kluft zwischen dem Staat und seinen Bürgern noch nie ausgesprochen, wenigstens noch nie vom Staat selbst. Es ist die Kluft zwischen Funktionären und Menschen. Wenigstens zeigt dies, woran das Land krankt, legt den Finger auf das, was geändert werden muß. Denn das Übel neigt zur Verschlimmerung. Wer es gewähren, ihm seinen Lauf läßt, muß auch das bittere Ende in Kauf nehmen.

Was aber stört die Bürger an jener Erfassung? Haben sie alle, alle etwas zu verbergen? Sind wir ein Volk von Betrügern, dem nur durch List noch beizukommen ist? 1801 schrieb Friedrich Hölderlin an seinen Freund, den Kaufmann Christian Landauer: 'Je weniger der Mensch vom Staat erfährt und weiß, die Form sei, wie sie will, um desto freier ist er.' Dieser Satz ist umzukehren: Je weniger der Staat ins Leben der Menschen eingreift, je weniger er über sie in Erfahrung zu bringen sucht, desto freiheitlicher ist er. Kein Zweifel, in dieser Umkehrung ist er Teil des allgemeinen Bewußtseins. Um seiner Wahrheit willen wehren sich die Bürger gegen eine Erfassung, die, ohne Erklärung ihrer Notwendigkeit, über alles Bisherige weit hinausgeht. Schwerlich werden sie sich beschwätzen lassen, diese 'Volkszählung' widerspruchlos hinzunehmen. 'Das Übergewicht der Verwaltung über die Menschen', wie Adorno formulierte, ist schon groß genug. Sie empfinden den Schritt über ihre Schwelle als Schritt ins Verbotene, als Schritt zu einem Staat, der sein wahres Gesicht noch nicht zeigte: zur totalitären Herrschaft der Bürokratie. Es spricht für den geschärften Instinkt der Deutschen, dieser so oft gebrannten Kinder, daß sie an dieser Stelle zu murren beginnen, daß sei bei dieser anscheinend so unscheinbaren Entscheidung endlich einmal das Neinsagen lernen.

Noch ist das Schlimmste nicht gesagt. Zum letzten Mal:

WIE SIE HEISSEN, IST UNS EGAL.
Ihr Name hilft uns beim Zählen und wird später vernichtet.
Ihr Egon Hölder. Leiter des Statistischen Bundesamts.
Volkszählung. 10 Minuten, die allen helfen.

Wer hätte sich nicht schon gefragt, wohin der Ungeist von damals sich verflüchtigt habe, wo doch sonst nichts verschwindet und alles Vergehen nichts als Verwandlung ist. In welcher Verkleidung wandelt der alte Ungeist unter uns? Dies bange Rätsel löst sich hier, unversehens und schreckhaft, auf. Diesmal sind es nicht die Leiber, die konzentriert in Lagern zusammengepfercht werden. Diesmal werden die Namen zentral erfaßt. Diesmal ist es nicht die Anzahl der Getöteten, diesmal sind ihnen die Namen der Lebenden egal. Diesmal helfen die Namen beim Zählen, bevor sie vernichtet werden, wie damals die Nochnichtgetöteten beim Abzählen der zu Tötenden. Denke keiner, das eine sei wesentlich schlimmer als das andere. Die Verachtung des Wesens war schon vor der Vernichtung, und die uns jetzt bedroht, ist längst eingelagert, jederzeit bereit. Gesichtslos ist sie auf uns gerichtet, und wenn es geschieht, ist es niemand gewesen. Wie jetzt, wo die noch perfektere Wiederholung des Greuelhaften an den Namen der Menschen nur simuliert wird.

Das begann in den siebziger Jahren, als die Verwaltung ein Drittel der Ortsnamen aus der Landessprache strich. Als Dörfer und Kleinstädte ihre angestammte, ihre geschichtliche, ihre heimatliche Identität verloren. Als die nach 1807 begonnene Liberalisierung der Gemeinden in dieser Republik rückgängig gemacht, als die Bürokratie auf verwaltungsgerechter Neuordnung, auf der Einrichtung von integrierten Gesamtlandstädten bestand, bei Namensverlust der betroffene Orte, versteht sich. Als das verständliche Geschrei der Leute darüber als ganz hinterwäldlerisch, als irrational diffamiert wurde, da war es am Tag. Nur das Zählbare zählt, darüber und darunter nichts. Jezt heißt Eschenstruth 'Söhrewald', Treysa und Ziegenhain 'Schwalmstadt', Uschlag 'Ahnatal', nach dieser einfallslosen Regel: Bergwald, Flußstadt, Bachtal. Andere tragen den Namen der nächstgelegenen Kreismetropole, mit nachgestellter Kennzahl. Das war ein Angriff auf die produktive Fantasie, die im nichtnormativ Prägenden der Namen liegt. Auf die unabhängige Denkkraft, die mit dem ausgetilgten Sprachgeist entweicht. Der Angriff des starrblickenden Basilisken auf alles Individuelle, auf das ihm Ungleiche. Aber nach Auslöschung des Geistes, nach Auslöschung des Individuellen, ist das entleerte Ganze nur noch Hülle, das Leben in ihr nur noch Schein. Vernichtungsfähig, bereit, vernichtet zu werden. Der Mann, dessen Name da hineingeriet, heißt Hölder. Für mich hängt das mit dem begrifflosen Grauen zusammen, das mich beim Lesen dieses unsäglichen Textes befiel, ein Grauen, für welches die Sprache des Wort namenlos bereithält. Entsetzlich, wenn tatsächtlich ein Einverständnis darüber bestünde. Wenn niemand an der Entnamung, der Verniemandung etwas fände.