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Eremitage

Mit Freudengeschrei…
                                    … fliegen sie auf

I
Sie wissen nicht, was sie tun. Wir wissen nicht aus noch ein.

II
So verzweifelt ist der Zustand, so ausweglos sind die Perspektiven der alten Welt, so bitter sind unsre Gespräche geworden, daß wir endlich ein Herz haben müssen, den geheimen Gedanken nach außen zu kehren, die neue Welt ins Auge zu fassen, als wäre sie schon mit Händen zu greifen. Es bleibt keine andere Wahl, als die Möglichkeit des Anderen zur neuen Realität zu erklären und den Schein des Bestehenden als irreal aufzulösen.

III
Der Zweifel, wir hätten kein Herz mehr, wir hätten die Hoffnung schon aufgegeben, der Zweifel an den Freunden und an uns selbst, ist von allem das Schlimmste.

IV
Das Neue ist diesmal nicht das erneuerte Alte.

V
Der Orkus, der uns umgibt, hat sieben Kreise: den szientifischen, den ökonomischen, den politischen, den militärischen, den ideologischen, den artifiziellen und den technischen. Seine äußere Form ist die einer doppelten, schön gewundenen Schnecke, doch ohne Gehäuse; man kann auch sagen: ein Wirbel, oder mit Böhme: die Turba, oder ganz einfach: Umnachtung.

VI
Die ihre Nacht Tag nennen und sich dem Tag widersetzen halten den Tag nicht auf und die sich wie Fackeln in ihn werfen, machen die Nacht nicht zum Tag.

VII
Der Tag kommt unaufhaltsam und unerzwungen. Wer ihn erwartet, erhebt sich beim ersten Grauen und sieht sich von Schläfern umgeben.

VIII
Das Neue begann schon um MItternacht: das Zeitalter, in welchem der Geist nicht mehr Akzidenz des Materiellen, sondern umgekehrt des Materielle die Akzidenz des Geistes ist. Aber die Schläfer murrten und drehten sich auf die andere Seite.

IX
Die Nacht ist ermüdet, der Streit im voraus schon längst entschieden. Und dennoch scheint im Anbruch des Tages das Obere zuunterst und das Untere zuoberst gekehrt. Die Boten der neuen Zeit haben den Geist verworfen und zur Gewalt gegriffen. Nun haben die Lebendigtoten für einen Augenblick den Anschein des Lebens: das Recht scheint bei den Ungerechten zu liegen.

X
Daß jetzt nicht viele im Namen einer erlogenen Allgemeinheit von wenigen in den Krieg getrieben werden, sondern wenige die falsche Allgemeinheit vorschützen, um wenigen den Krieg zu erklären, setzt das Übel nur umgekehrt fort.

XI
Unter historisch-dialektischem Gesichtspunkt, dem der Umkehr und der Wiederholung, sind die Revolutionen nicht weniger trostlos als alle Usurpationen. Das Meer schlägt an den Rand und wälzt den Schutt um und um.

XII
Euer Opfer ist anders wahr, als Ihr es Euch dachtet. Ihr habt Euch und andre zerrissen, wie ein altes Kleid, und in dem Riß wird eine neue Wahrheit sichtbar. Das verströmte Blut, die gebrochenen Augen sprechen eine deutlichere Sprache als Eure Deklarationen. Wir haben sie jetzt verstanden. Es bedarf keiner Wiederholung. Die alte Welt ist giftig geworden. Wer sie anrührt, um sie zu retten, der ist verloren.

XIII
Eure furchtbare Verzweiflung ist unsere Hoffnung, Euer Ende ist unser Anfang.

XIV
Der Wind legt sich erst, wenn das Meer gestillt und der Himmel wie leergefegt ist.

XV
Prklt!

XVI
Was jetzt beginnen muß, ist kein Kampf, keine Bewegung, sondern eine Abwendung. Eine Abkehr so vieler einzelner, daß die alte, ihrer Glaubwürdigkeit entkleidete Herrschaft in sich zusammensinkt. Vergeblich werden ihre Redner locken und drohen, vergeblich wird ihr Anhang Mauern um uns ziehen. Wir sind total entfremdet. Wir verlassen die betrügerischen Teilhaber und kehren, jeder für sich, zu uns zurück.

XVII
Wir ziehen die Ruder ein und werfen uns selbst zum Beispiel aus.

XVIII
Errinert Euch: die Fische brauchten keine Arche.

XIX
Wer auf Gebirge steigt, nur um die Niederung zu verfluchen, aus der er heraufkam, der steigt auch zur falschen Seite hinunter.

XX
Diejenigen, die auf das Grenzgebirge steigen, um die Geschichte zu vermessen, die haben schwarze Brillen auf, daß der Geist sie nicht blendet, die bleiben erst recht in Rufweite.

XXI
Schweigt die Schwätzer. Die Zeit der Belehrungen ist jetzt zu Ende. Von nun an zum Besseren verführen.

XXII
Das eine nicht ohne das andre. Das heißt: zärtlich  u n d  treu.

XXIII
Die Gesetze fallen, wenn sich die Völker der alten Regeln, ihres Gewisens errinern. Dann werden sie die Herrschaft der Gewissenlosen, der Pragmatiker nicht länger erdulden.

XXIV
Partei korrumpiert.

XXV
Sich auf keine Seite schlagen. Scheinentscheidungen sind immer falsch. Den Zwist aus der Vogelperspektive betrachten.

XXVI
So wild ist das alte Gesetz, so eingefleischt die uralte Furcht, daß man sehr weich und sehr hart sein muß, um beidem zu entgehen. Seit die Faust im Recht ist, gilt Wehrlosigkeit als Schwäche. Von aller menschlichen Eigenschaft ist diese am meisten vergessen.

XXVII
Schütze nicht Dich, schütze den Nachbarn und rufe die Nachbarn zur Hilfe.

XXVIII
Nirgendwo eine Mitte, nirgendwo eine Macht: anders ist der Garten nicht denkbar. Wer denkt, ist verpflichtet, folgerichtig zu denken.

XXIX
Nochmals – und jetzt in allem Ernst: Retour à la Nature!

XXX
Das Neue kommt als Verzicht und Selbsteinschränkung. Dies ist die erste Probe. Keiner darf mehr beseufzen, woran er selbst einen Teil hat. Vor der Selbstvernichtung werden Seufzer zu Lügen, Beschwichtigungen zur Schuld.

XXXI
Dem Wort wieder trauen. Keine Zynismen.

XXXII
Wir beschwichtigten unser Gewissen bei der Untat und billigten sie beinah, weil die Gewissenlosen sie verfolgten. Wir mißachteten das Heilige, weil die Heuchler es anpriesen. Zuerst das Denken befreien! Das Falsche ist der Wahrheit nur ähnlich. Was kümmern uns die hinterlistig Beschränkten? Wir müssen lernen, des Herzens Meinung zu sagen.

XXXIII
Kritische Receptivität für das Gesetzte und das Entgegengesetzte: nur unterschieden, um zu verbinden. Jetzt ist es Zeit, daß wir des Bogens gedenken (Gen. IX).

XXXIV
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und deren Früchte essen. Sie sollen nichts bauen, das ein andrer bewohne, nichts pflanzen, das ein anderer esse (Jes. LXV).

XXXV
Die gemiedenen Bücher lesen (die Wahrsagung wahrmachen).

XXXVI
Wenn das Schiff sinkt, werden sie sich vergebens fragen, warum sie sich um die Plätze schlugen.

XXXVII
Die Geister müssen überall sich mittheilen, wo nur ein lebendiger Othem sich regt, sich vereinigen mit allem, was nicht ausgestoßen werden muß, damit aus dieser Vereinigung, aus dieser unsichtbaren streitenden Kirche das große Kind der Zeit, der Tag aller Tage hervorgehe…

XXXVIII
Nicht an den Ecken stehen. Sich nicht zur Selbstbestätigung zusammenrotten. Auf Anführer verzichten. Die Sache nicht predigen, nicht in Traktaten breittreten. Einzeln die Wüste verlassen, aber gemeinsam jeder weiteren Verwüstung entgegentreten (Alles, was jetzt noch gebaut wird, müssen die Kinder abreißen.)

XXXIX
Ihr Elenden, bis hierher und nicht weiter!

XL
Überall ist Kanaan.

XLI
Wenn uns die Wende nicht als Untergang, sondern als Übergang erscheinen soll, müßte doch einsehbar sein, daß das Neue, das ohnehin kommt – sei es als atomare Katastophe im Kampf um die erschöpfte Erde, sei es deren Erschöpfung selbst – nicht als Schicksal erlitten, sondern aus freiem Entschluß, mit Weitsicht, Besonnenheit und mit eigenen Händen herbeigeführt werden muß.

XLII
Die richtige Relation herstellen: den Verantwortungslosen mit Ruhe, mit der Klugheit der Überlegenen begegnen, sie nicht zu unverzeihlichen Fehlern zwingen.

XLIII
Damit sie sich bis zum Äußersten sträuben, sollten wir den Verderbern nicht länger den Sturz androhen, sondern, genau nach den Spielregeln, mit sanfter Gewalt ihren Konkurs herbeiführen. Erstens: verweigern. Nur noch das Allernotwendigste zum Fortbestehen ihrer Herrschaft beitragen. Dem Staat nicht mehr dienen (lieber wandern und betteln). Nichts Neues mehr kaufen, den Verbrauch einschränken, selbst produzieren und untereinander tauschen. Zweitens: verhindern. Sich jeder Zerstörung, jeder Gefährdung, jedem Betrug gemeinsam widersetzen (mit dem Rücken zur Polizei).

XLIV
Der Kalkül mit dem verdorbenen Wesen des Menschen beruht auf Erfahrung. Dennoch ist es ruchlos und niedrig, ihm Raum zu geben. Ruchlos, der Hochmut, der sich über die eigene Niedrigkeit erhebt, indem er sich selbst mitsamt der Menschheit dem Abgrund überantwortet, niedrig, weil er klug genug ist, die eigene Opportunität als allgemeines Phänomen zu entschuldigen.

XLV
Erfahrung, und sei es die allgemeinste, entbindet nicht von der Verpflichtung, sich selbst, und immer aus neue, das Äußerstmenschenmögliche abzuverlangen.

XLVI
Die Möglichkeit, selbst die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ist kein Einwand gegen ein Wagnis, das nichts schlechteres als das Beste zum Ziel hat.

XLVII
Das Beste ist nicht das Bestehende, sondern das Nächste.

XLVIII
Kants kategorischer Imperativ ist eine wahrhaft anarchische Maxime: Handle so, daß die Maxime deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Nur etatistisches Interesse konnte diesen zum Aufruhr gegen jede bestimmte Gesetzgebung aufrufenden Satz für den Pflichtbegriff des Staates in Anspruch nehmen. Bei seiner Entwicklung (in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten) nennt Kant die Formen dieser Allgemeinheit beim bestimmten Namen. Erstens: der Satz setzt die Autonomie des Willens, das heißt die Freiheit des Handelnden voraus. Zweitens: den Willensakten des Einzelnen liegt eine eigene und keine fremde Gesetzgebung zugrunde. Drittens: der Begriff einer allgemeinen Gesetzgebung, mit welcher die eigene in Einklang stehen muß, ist kein etatistischer, sondern ein natürlicher (Kant verwendet als analoge Formeln: Reich der Natur, Naturgesetz).

XLIX
Handle so, daß das Gesetz deines Handelns jedes engere entbehrlich macht.

L
Wir müssen zuerst einmal den Mut aufbringen, festzustellen, daß die Idee des Anarchismus mit der vom Reich Gottes identisch ist, eines Friedens, in welchem weder Staaten noch Kirchen, weder Natur noch Gott als begrenzende Mächte existieren, daß sie identisch ist mit dem sybillinischen Traum, der Wiederkunft der Saturnischen Zeit, der Rückkehr eines goldnen Geschlechts. Insofern ist die Herrschaftslosigkeit das Höchste, das Menschen je zu denken, zu wünschen und zu wollen wagten. Jene halbherzigen Versuche, die Anarchie nur als einen politischen Zustand, etwa als eine bessere Regelung der Ordnungs- und Eigentumsfrage zu bestimmen, greifen zu kurz, halten ein Teil für das Ganze, verwechseln den Weg mit dem Ziel.

LI
Das Ziel muß absolut sein, der Weg pragmatisch.

LII
Die Wildnis wurde zu sehr gezähmt: sie ist untertan und sinnt schon auf Rache. Sie wird sich rächen, wenn ihre Bezwinger nicht einhalten und umkehren, nicht die geschlagenen Wunden heilen, nicht endlich den Garten beginnen.

LIII
Manche steigen über die Mauer und meinen, sie wären schon dort. Aber die Mauer ist Stein für Stein abzutragen und der Garten inmitten der Dürre zu pflanzen.

LIV
Anschläge gegen die Normen und Güter des Kapitalstaates bestärken das Verhältnis, das aufgelöst werden soll, in zweifacher Hinsicht und verschärfen zudem das Risiko einer unkontrollierten Selbstvernichtung, indem sie es zum einen den Machthabern leicht machen, den Unmut der Ohnmächtigen von ihren wirklichen Feinden abzulenken (und so das Entstehen einer allgemeinen Opposition verhindern), indem sie zum anderen, mit ihren Angriffen auf Produktionsmittel und Investitionsgüter, die chronisch krisengefährdete Überproduktion eher stimulieren als ernsthaft schwächen, und indem sie überdies das aufzulösende System zu verzweifelten Exzessen nach innen und außen treiben. Gewalt ist dem oligarchischen Wurm kaum noch wesentlich. Sie trifft darum nicht dessen Nerv, sondern stachelt ihn vielmehr aus seiner Agonie zu einer Entschlossenheit auf, derer er sich, um seinen Schatz gewunden, längst schon entwöhnte – zwingt ihn geradezu, alles, was mit ihm und um ihn ist, in seinen Untergang hineinzuziehen.

LV
Der in seiner Strenge kaum verständliche Satz, eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Garten ein, zeigt jetzt erst seinen Sinn: dem Wertzuviel, das wenige aus der Warenproduktion und aus dem Waren- und Geldumlauf schöpfen, entspricht gegenwärtig, wenigstens in den Kapitalstaaten, ein beinah allgemeiner Mehrverzehr, der alle Beteiligten im Sinne dieses Worts zu Reichen stempelt. Dieser Mehrverzehr erschöpft die Erde, entfremdet die Menschen von sich selber und hält die so zu unaufhörlicher Expansion verurteilten Kapitalstaaten am Leben. Eine Wende tritt nur ein, wenn es gelingt, eine Mehrheit zur Aufgabe des Mehrverzehrs zu bewegen.

LVI
Entweder wir beginnen es jetzt, jeder für sich, oder wir geben uns auf.

LVII
Das Neue ist einfach, nur sein Anfang schwierig. Wir werden unsere Wohnungen behalten, aber unsere Gewohnheiten verlassen.

LVIII
Der Verzicht. Die Reinigung. Das Adieu.

LIX
Diese Flucht ist konstruktiv: Ihre Durchführung gelingt, wenn wir an unseren drei Entschlüssen, unserer Unzulänglichkeit und aller Widerwärtigkeit zum Trotz, unbeirrt festhalten, wenn wir alles, was uns auf dem Wege begegnet, uns aufhalten und ablenken will, aufheben, umkehren, thematisch verarbeiten.

LX
Äußeres Ziel des Verzichts, des partiellen Konsumentzugs, ist eine anschwellende Krise, die dadurch entsteht, daß der Markt für alle entbehrlichen Waren zunehmend schrumpft, während das Arbeitsangebot ständig steigt, sogar zunächst ins Leere produziert wird, bis die Produktion zum Erliegen kommt. An diesem Punkt der Krise ist ein ökonomischer Kurswechsel zur Notwendigkeit geworden. Das freigesetzte Arbeitspotential ist vernünftig nur noch zur Rekultivation der zivilisatorischen Verwüstungen einzusetzen. Das äußere Ziel dieser zweiten, zur ersten hinzutretenden Exodusphase ist die Beseitigung der alten, industriellen Struktur, die Vorbereitung der Rückkehr zum natürlichen Landbau, zur größtmöglichen Autarkie des einzelnen, zur vollständigen Autonomie ihrer engeren und weiteren Lebensgemeinschaften. Diese dritte Phase, der äußere Abschied von der Alten Welt (der im Bewußtsein längst vollzogen wurde), ist friedlich.

LXI
Mit der Reduktion der Bedürfnisse auf das Lebensnotwendige (in aller Fülle und mit allen Freuden), faktisch eine individuelle und allgemeine Entgiftung, lösen sich auch die letzten Relikte der alten Vorrechte und Anhängigkeiten auf. Der alte Streit, die alte Ungerechtigkeit wird jenen nur noch wie ein böser, kaum verständlicher Traum erscheinen.

LXII
Fruchtbar, nicht furchtbar ist dieses Ende.

LXIII
Die Toten werden den Kopf schütteln.

LXIV
Die gesparte Zeit ist geraubt. Nur den Gehenden ist zu trauen. Wer sich nicht entschließen kann, sein falsches Selbst, seine falsche Beweglichkeit, seine falsche Freiheit zu verkaufen, mit Gleichgesinnten ein feierliches Autodafé zu veranstalten, der heuchelt, wenn er vom Neuen spricht.

LXV
Wenn endlich die Fabriken verrotten, weil keiner mehr kauft, was sie herstellen, werden wir große Gruben graben und sie darin versenken. Wälder und Wiesen werden über den Betongebirgen wachsen. Hier finden alle Hände Arbeit. Jeder Fleck zurückgewonnener Erde ist uns teurer als alle bisherigen Siege.

LXVI
Das Neue kommt als Vernichtung oder als unendliche Fülle. Es ist ein schönes, ja ein vernünftiges Wagnis, alles gegen die Gefahr zu setzen.