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Clavis Hoelderliniana

14  Normalsprache

Interpretationen ziehen das dichterische Wort zu Sätzen auseinander. Mit der quantitativen Vervielfachung des Textes suggerieren sie die Entfaltung der Hintergedanken des Dichters. Dieser positive Effekt einer Bewußtseinserweiterung schlüge jedoch um, würde dem Wort plastische Abbildlichkeit zugestanden, die synthetisch mehr sage, als die analytischen Verzweigungen der Interpretationen vermöchten; dann blieben die linearen Sätze hinter dem 'factischen' (1) Wort zurück. Je dicker das Bündel der Vektoren, um so ärger die Täuschung über die Ungelenkheit der Erklärung. Die kategoriale Verschiedenheit von Dichtung und Normalsprache zeigt ein Vergleich ihrer didaktischen Mechanik. Während normalsprachliche Logik topische Partikel aneinanderreiht und Meinungen, Überzeugungen, Gewißheiten am rasenden Gewinde der Kolumnen montiert, öffnet sich in jeder dichterischen Chiffre eine Zentralperspektive. Texte, die zwischen beiden Kategorien vermitteln, sprechen im Bewußtsein ihrer doppelten Exiliertheit – Elixiere aus Chiffren und Gemeinplätzen, weder normal noch gedichtet, sind sie wahrhaft ausgestoßen. Hölderlin bildet die verschiedenen Dimensionen des Sprechens in einer geognostischer Metapher ab. 'Das Wild irrt in den Klüften'; 'die Horde schweift über die Höhen'. (2) Klüfte heißen in PATMOS 'Abgründe der Weisheit'. (3) Wo die sich auftun, wird rhetorischer Zusammenhang entbehrlich.

(1) ANMERKUNGEN ZUR ANTIGONAE ; St.A. 5 S. 269f.
(2) DER MUTTER ERDE; St.A. 2,1 S. 125
(3) St.A. 2,1 S. 168